Dissoziative Identitätsstörung-Kurzinfo: Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) ist eine komplexe psychische Erkrankung, die sich in der frühen Kindheit entwickeln kann. Dabei entwickeln Betroffene zwei oder mehr unterschiedliche Persönlichkeitszustände („Anteile“), die in der klassischen Ausprägung der DIS abwechselnd die Kontrolle übernehmen und sich im Denken, Fühlen und Erinnern unterscheiden.
Hinweis
Die Informationen auf dieser Webseite ersetzen keine ärztliche Beratung!
Diagnosen dürfen nur von Fachkräften vorgenommen werden! Selbst wenn bestimmte Merkmale zutreffen, heißt das nicht, dass eine entsprechende psychische Erkrankung vorliegt. Symptome können verschiedene Ursachen haben und in manchen Fällen gibt es auch Ausschlusskriterien, die ebenfalls berücksichtigt werden müssen.
Vertiefungsmöglichkeiten
💡 Kurze Vertiefung für einen schnellen Überblick und leichter verständlich
🔍 Ausführliche Vertiefung mit vielen Hinweisen
💡 Dissoziative Identitätsstörung (DIS)
Die Dissoziative Identitätsstörung (DIS) – früher „multiple Persönlichkeitsstörung“ genannt – ist eine psychische Erkrankung. Menschen mit DIS haben verschiedene Persönlichkeitszustände, auch „Anteile“ genannt, die abwechselnd die Kontrolle übernehmen können. Diese Anteile fühlen, denken und erinnern sich unterschiedlich – manchmal nehmen sie sogar den eigenen Körper anders wahr. Mehr dazu in der ausführlichen Vertiefung.
Das Wort „dissoziativ“ bedeutet getrennt, abgekoppelt oder abgespalten. In der Psychologie meint Dissoziation einen Schutzmechanismus, den das Gehirn nutzt, wenn es mit etwas sehr Belastendem nicht klarkommt. Dabei werden Gedanken, Erinnerungen oder Gefühle voneinander getrennt. Bei der DIS kommt es sogar zur Abspaltung ganzer Persönlichkeitszustände. Normalerweise fühlen sich Menschen wie eine einzige Person mit einem Leben, das zusammenpasst. Bei DIS ist das anders: Erinnerungen, Gefühle und Erlebnisse werden voneinander getrennt erlebt. Es kann sich anfühlen, als würden mehrere verschiedene „Ichs“ in einer Person leben. Typisch sind Erinnerungslücken – manche Zeiten sind einfach weg aus dem Gedächtnis.

Wichtig: Dissoziation tritt in verschiedenen Formen auf und kann unterschiedliche Ursachen haben. Nicht jede Dissoziation spricht für eine Dissoziative Identitätsstörung. Auch eine identitätsbezogene Dissoziation kann andere Ursachen haben und beispielsweise im Rahmen einer komplexen Posttraumatische Belastungsstörung auftreten. Eine sorgfältige diagnostische Abklärung ist notwendig, um nicht vorschnell eine DIS anzunehmen.
Wie viele Menschen haben eine DIS?
Etwa 1,5 Prozent der Menschen – das ist seltener als Depression, aber auch nicht extrem selten. Frauen bekommen häufiger diese Diagnose, aber das kann auch daran liegen, dass die Störung bei Männern oft übersehen wird.
Problem: Viele Betroffene werden nie richtig diagnostiziert. Die Symptome werden oft mit Depression, Angststörungen, Schizophrenie oder Borderline verwechselt. Die richtige Diagnose zu stellen, ist kompliziert und muss von Experten durchgeführt werden. Eine falsche, voreilige Diagnose – auch Selbstdiagnosen – können schädlich sein! Vorsicht vor selbsternannten Experten in den sozialen Medien.
Wie entsteht die Erkrankung?
Fast alle Menschen mit DIS haben als kleine Kinder schwere, wiederholte Gewalt erlebt – sexuellen Missbrauch, körperliche Misshandlungen oder extreme Vernachlässigung.
Die Dissoziation war damals ein Überlebensmechanismus: Das Kind konnte die schrecklichen Erfahrungen nicht aushalten und hat sie quasi „abgespalten“. Dabei entwickelten sich verschiedene Identitätszustände, die unterschiedliche Aufgaben übernahmen. Ein Anteil trägt die Angst, ein anderer funktioniert im Alltag, wieder ein anderer hält den Schmerz fern. Diese Abspaltung war eine Schutzstrategie des Gehirns und keine Erkrankung, die einfach so entsteht, wie zum Beispiel Schizophrenie oder ADHS. Was damals geschützt hat, wird später aber zum Problem.
DIS entsteht, soweit man weiß, nur in der Kindheit. Das liegt wahrscheinlich daran, dass die eigene Identität bei kleinen Kindern noch nicht vollständig entwickelt ist und das kindliche Gehirn noch sehr formbar ist. Teenager und Erwachsene können nach Traumata zwar auch dissoziative Störungen entwickeln, aber nicht mehr eine DIS. Du musst also keine Angst haben, durch eine Therapie oder durch traumatische Erlebnisse eine DIS zu entwickeln – das ist nicht möglich.
Probleme und Behandlung
Menschen mit DIS haben oft massive Gedächtnislücken. Sie erinnern sich nicht an ganze Tage oder finden sich plötzlich an Orten wieder, ohne zu wissen, wie sie da hingekommen sind.
Weitere Probleme:
◉ Alltag und Schule/Arbeit können sehr schwer sein
◉ Beziehungen sind schwierig, weil die verschiedenen Anteile unterschiedlich reagieren
◉ Sie finden Gegenstände oder Notizen, ohne zu wissen, woher die kommen
◉ Oft kommen Depressionen, Angststörungen und selbstverletzendes Verhalten dazu
Die Behandlung dauert meist Jahre und besteht hauptsächlich aus spezialisierter Psychotherapie. Dazu muss die Krankheit jedoch zunächst richtig diagnostiziert werden, was schwierig ist. In der Therapie lernen Betroffene zunächst, mit ihren Symptomen umzugehen und sich sicherer zu fühlen. Dann werden die traumatischen Erlebnisse vorsichtig aufgearbeitet. Zuletzt geht es darum, dass die verschiedenen Anteile besser zusammenarbeiten. Das Ziel ist nicht unbedingt, dass alle Anteile zu einer Person verschmelzen, sondern dass Betroffene weniger leiden und besser leben können.
Vorurteile vs. Realität
FALSCH: „Menschen mit DIS sind gefährlich.“
RICHTIG: Sie sind nicht gefährlicher als andere – sie waren selbst Opfer von Gewalt.
FALSCH: “ Die spielen das nur, um Aufmerksamkeit zu bekommen.“
RICHTIG: DIS ist eine echte Krankheit. Betroffene leiden stark und versuchen oft, ihre Symptome zu verstecken und nicht zu zeigen.
FALSCH: „Klar – multiple Persönlichkeiten, wie in Filmen!“
RICHTIG: Filme zeigen ein völlig falsches, übertriebenes Bild. Die Realität ist weniger dramatisch, aber für Betroffene sehr belastend.
FALSCH: „DIS gibt es gar nicht! Das wird Menschen nur durch Therapeuten eingeredet (False Memory)!“
RICHTIG: Die Störung ist offiziell anerkannt (ICD-11 und DSM-5). Es gibt sogar Gehirn-Scans, die messbare Unterschiede zeigen. Außerdem gibt es DIS weltweit und in allen Kulturen – es ist kein „Modephänomen“. Viele Betroffene berichten schon vor der Therapie von Erinnerungslücken, inneren Stimmen oder Zeitverlusten. Allerdings scheint es auch kulturabhängige Effekte zu geben und es gibt wie bei anderen Krankheiten und Störungen auch Fehldiagnosen – und natürlich falsche Selbstdiagnosen.
Hilfreich:
Wenn jemand in deinem Umfeld betroffen ist, kannst du Folgendes tun:
◉ Glaube schenken: Nimm die Person ernst, auch wenn es für dich schwer vorstellbar ist.
◉ Geduldig sein: Denke daran, dass Gedächtnislücken und Stimmungswechsel Teil der Krankheit sind.
◉ Verlässlich sein: Sei ein stabiler Freund oder eine stabile Freundin.
◉ Nicht ausfragen: Bohre nicht mit Fragen über Traumata oder verschiedene Anteile nach. Das Thema „verschiedene Anteile“ ist sehr privat. Zu viele Fragen sind übergriffig.
◉ Normal behandeln: Die Person ist ein Mensch mit einer Krankheit – nicht „verrückt“ oder „gespalten“.
Vermeiden:
◉ Übertriebene Neugier! Klar ist DIS für die meisten total neu und unbekannt. Aber vermeide es, Betroffene auszufragen. Sie sind keine Attraktion und verdienen Privatsphäre.
◉ Respektiere Grenzen und versuche nicht, den anderen zu therapieren.
◉ Streue keine Zweifel, wie: „Das bildest du dir nur ein!“. Für Betroffene ist das Leben mit einer DIS nicht einfach und sie verstehen die inneren Vorgänge auch nicht vollkommen, zumal ihr Bewusstsein in der Regel auch fragmentiert ist.
◉ Verwende keine abwertenden oder stereotypischen Ausdrücke oder Vergleiche aus Spielfilmen.
◉ WICHTIG: Versuche, Probleme nicht einfach mit der DIS zu erklären. Sag also nicht: „Deine DIS macht unsere Pläne kaputt!“ oder „Das war bestimmt wieder ein anderer Anteil!“. Auch Menschen ohne DIS haben wechselnde Meinungen, Stimmungsschwankungen und Beziehungsprobleme. Alles auf die DIS zu schieben, macht die Person zu „nur ihrer Krankheit“, stuft normale Reaktionen als krankhaft ein und verunsichert die Person (ähnlich wie Gaslighting). DIS-spezifische Sachen wie Amnesie oder Anteil-Wechsel sollten natürlich nicht ignoriert werden – aber nicht jedes Problem kommt von der DIS. Sag besser: „Ich bin frustriert, dass sich unsere Pläne ändern. Was ist passiert?“
Mehr Informationen findest du in der ausführlichen Vertiefung!
🔍 Ausführliche Vertiefung
Dissoziative Identitätsstörung (DIS) – Ein umfassender Überblick
Die dissoziative Identitätsstörung (DIS), früher „multiple Persönlichkeitsstörung“ genannt, ist eine schwere, komplexe psychische Erkrankung. Betroffene erleben, dass in ihnen zwei oder mehr weitgehend getrennte Identitäten (auch „Anteile“, „Innenpersonen / Innens“ genannt) existieren, die sich wiederholt abwechseln und sich in ihrem Verhalten, Erleben und Erinnern deutlich unterscheiden.
Anstatt „Mensch mit einer DIS“ zu sagen, verwenden Betroffene Bezeichnungen wie „System“, „Viele(system)“ oder „Multi“. Ein Mensch ohne DIS wird manchmal kurz „Uno“ oder „singulär“ genannt. Es ist immer sinnvoll, nachzufragen, welche Selbstbezeichnung vorgezogen wird.
In der Fachliteratur wird meist von Identitätszuständen und dissoziierten Persönlichkeitsanteilen gesprochen.
Betroffene erleben oft erhebliche Gedächtnislücken für Alltagserlebnisse oder Traumata – Ereignisse, die normalerweise nicht einfach vergessen würden. Die verschiedenen „Anteile“ können verschiedene Namen haben, unterschiedliche Handschriften und unterschiedliche Kompetenzen und Fähigkeiten besitzen. Dokumentiert sind z. B. Fälle, bei denen einzelne Anteile ein Instrument spielen können, andere aber nicht, oder Anteile fließend eine Fremdsprache beherrschen und andere nicht. Ähnliches trifft auch auf andere kognitive, motorische und künstlerische Fähigkeiten zu. Dabei entwickeln Anteile keine Fähigkeiten, die die Person nie gelernt hat. Es ist eher ein unterschiedlicher Zugang zu vorhandenen bzw. erworbenen Fähigkeiten. Die Unterschiede können von subtil bis sehr auffällig auftreten.


Abbildung oben: Ein Vielesystem war so nett, ein paar ihrer Handschriften zu demonstrieren und für dieses Projekt zur Verfügung zu stellen. In diesem Fall war der Wechsel für die Handschriften gewollt. Wechsel passieren im Alltag jedoch auch automatisch, z. B. situations- oder themenabhängig.
Eine DIS ist individuell unterschiedlich. Laut Schilderungen von Betroffenen ist in manchen Fällen eine innere Kommunikation unter den Anteilen möglich, in anderen geht dies nur eingeschränkt oder gar nicht. Es kann ein Co-Bewusstsein existieren („Wissenstransfer“) oder eine völlige Trennung zu anderen Anteilen herrschen. Das Alter, Geschlecht, sexuelle Orientierung und das zugeschriebene Aussehen der Anteile werden teils unterschiedlich wahrgenommen.
Dabei ist es möglich, dass manche Anteile jünger oder älter als der biologische Körper sind, d. h. es können beispielsweise „Innenkinder“ existieren, obwohl der Körper schon das Erwachsenenalter erreicht hat. Manche Betroffene berichten auch davon, dass sie nichtmenschliche Anteile hätten, also ohne menschlichen Körper.
Das Wort „dissoziativ“ leitet sich vom lateinischen Wort dissociare ab, welches trennen, scheiden bzw. voneinander lösen bedeutet. In der Psychologie bezeichnet die Dissoziation einen Schutzmechanismus der Psyche, bei dem Gedanken, Erinnerungen, Gefühle oder, wie bei der DIS, Persönlichkeitsanteile getrennt werden. Man spricht dabei auch von einer „Abspaltung“.
Formen der Dissoziation:
* Absorption: Wegdriften, Versunkenheit
* Depersonalisation: Man fühlt sich selbst fremd an. Innere Leere, emotionale Abkopplung
* Derealisation: Die Welt fühlt sich unwirklich an.
* Dissoziative Amnesie: Ungewöhnliche Gedächtnislücken, fehlende Zeiträume
* Sensorische Dissoziation: Körperwahrnehmung beeinträchtigt, Taubheit
* Identitätsbezogene Dissoziation: Verschiedene Ich-Zustände
🔍 Noch mehr Details zum Thema Dissoziation-Formen (bitte anklicken).
1. Absorption / Tagträume
Was passiert: Die Aufmerksamkeit zieht sich vollständig in einen inneren Zustand zurück – Gedanken, Fantasien oder Erinnerungen nehmen die gesamte Wahrnehmung ein. Der Kontakt zur Außenwelt wird nicht unterbrochen, aber stark gedämpft.
Merkmale
◉ Versunkenheit in Gedanken oder innere Bilder
◉ Ansprechen wird nicht oder verzögert wahrgenommen
◉ Zeit vergeht schneller als erwartet
◉ Nach dem „Auftauchen“ kurze Orientierungsphase nötig
Empfindungen: Meist angenehm oder neutral – ein Wegdriften, fast wie ein leichter Schlaf bei vollem Bewusstsein. Kein Kontrollverlust, kein Erschrecken.
Typische Äußerungen
„Ich war gerade irgendwie weg.“
„Ich hab gar nicht gemerkt, wie die Zeit vergangen ist.“
„Ich hab dich nicht gehört, sorry – ich war in Gedanken.“
Abgrenzung: Das ist die mildeste und normalste Form der Dissoziation – jeder Mensch kennt sie. Sie wird nur dann klinisch relevant, wenn sie sehr häufig, unkontrolliert oder als Flucht aus belastenden Situationen auftritt.
2. Depersonalisation
Was passiert: Die eigene Person fühlt sich fremd an. Betroffene erleben sich selbst wie von außen – als Zuschauer des eigenen Körpers, der eigenen Gedanken oder Gefühle. Das Ich wirkt unwirklich, obwohl das Realitätsbewusstsein erhalten bleibt.
Merkmale
◉ Gefühl, den eigenen Körper von außen zu beobachten
◉ Emotionen werden wahrgenommen, fühlen sich aber nicht „eigen“ an. Auch emotionale Taubheit wird hier dazugezählt.
◉ Gedanken wirken wie fremde Stimmen oder mechanische Abläufe
◉ Spiegelbild wird nicht als das eigene Ich erkannt oder wirkt seltsam
◉ Betroffene wissen, dass etwas nicht stimmt – das unterscheidet es von Psychosen
Empfindungen: Oft beängstigend, manchmal aber auch seltsam ruhig. Viele beschreiben es als „taubes“ Erleben – Gefühle sind da, aber wie hinter Glas. Körperempfindungen wie Schmerz oder Berührung können abgeschwächt sein.
Typische Äußerungen
„Ich fühle mich, als wäre ich nicht wirklich in meinem Körper.“
„Ich schaue mir selbst zu, wie in einem Film.“
„Meine Hände sehen aus wie fremde Hände.“
„Ich fühle nichts – obwohl ich weiß, dass ich eigentlich traurig sein müsste.“
Abgrenzung zu Derealisation: Bei Depersonalisation ist das eigene Selbst fremd. Bei Derealisation ist die Außenwelt fremd. Beide treten häufig gemeinsam auf, sind aber konzeptuell getrennt.
3. Derealisation
Was passiert: Die Umgebung wirkt unwirklich, verändert oder wie eine Kulisse. Die Außenwelt ist wahrnehmbar, aber fühlt sich nicht echt an – wie ein Traum, ein Film oder eine Simulation.
Merkmale
◉ Umgebung wirkt verschwommen, flach oder zu hell/zu dunkel
◉ Bekannte Orte fühlen sich fremd an
◉ Menschen in der Umgebung wirken wie Schauspieler oder Figuren
◉ Geräusche klingen dumpf oder weit entfernt
◉ Realitätsbewusstsein bleibt erhalten – Betroffene wissen, dass die Welt real ist
Empfindungen: Oft sehr beunruhigend, weil die vertraute Welt plötzlich nicht mehr vertraut wirkt. Manche beschreiben es als unwillkürliche „Glasscheibe“ zwischen sich und allem anderen.
Typische Äußerungen
„Alles sieht aus wie eine Filmkulisse.“
„Ich kenne diese Straße, aber sie fühlt sich fremd an.“
„Die Menschen um mich herum wirken wie Roboter.“
„Es ist, als würde ich durch Watte schauen.“
Abgrenzung zu Depersonalisation: Der Unterschied ist die Richtung der Entfremdung: Bei Depersonalisation ist es das Selbst, bei Derealisation ist es die Welt. In der Praxis treten beide oft gleichzeitig auf – dann spricht man von einem Depersonalisations-Derealisationssyndrom.
4. Dissoziative Amnesie
Was passiert: Erinnerungen – an bestimmte Zeiträume, Ereignisse oder persönliche Informationen – sind nicht abrufbar, ohne dass eine neurologische Ursache vorliegt. Die Lücken entstehen nicht durch Vergessen im üblichen Sinne, sondern durch eine psychisch bedingte Abschottung.
Merkmale
◉ Zeiträume oder Ereignisse fehlen vollständig in der Erinnerung
◉ Betroffene finden sich in Situationen wieder, ohne zu wissen, wie sie dort hingekommen sind
◉ Persönliche Informationen (Name, Vergangenheit) können in seltenen Fällen betroffen sein
◉ Bei dissoziativer Identitätsstörung: Lücken durch Zustände, die andere Persönlichkeitsanteile „übernommen“ haben
◉ Medizinische Ursachen (z. B. Schädel-Hirn-Trauma, Epilepsie) müssen ausgeschlossen sein
Empfindungen: Oft verwirrend und beängstigend – das Bewusstsein, dass Zeit fehlt, ohne zu wissen, warum. Manche Betroffene bemerken die Lücken erst durch Hinweise anderer Menschen.
Typische Äußerungen
„Ich weiß nicht mehr, was gestern Abend war.“
„Alle sagen, ich war dabei – aber ich habe keine Erinnerung daran.“
„Ich wache auf und weiß nicht, wie ich hier hingekommen bin.“
„Es gibt Jahre aus meiner Kindheit, an die ich mich kaum erinnere.“
Abgrenzung: Anders als normale Vergesslichkeit sind die Lücken oft abrupt begrenzt und betreffen häufig emotional bedeutsame oder traumatische Inhalte. Anders als bei einer Demenz bleiben das allgemeine Gedächtnis und die Alltagsfunktion meist erhalten.
5. Körperliche / sensorische Dissoziation
Was passiert: Die Verbindung zwischen Bewusstsein und Körperwahrnehmung ist unterbrochen oder verändert. Körpersignale werden nicht oder verzerrt wahrgenommen – ohne organische Ursache.
Merkmale
◉ Taubheitsgefühle oder Kribbeln ohne körperlichen Befund
◉ Schmerzen werden nicht gespürt, obwohl Verletzungen vorhanden sind
◉ Umgekehrt: Schmerzen ohne erkennbare körperliche Ursache
◉ Lähmungsähnliche Zustände oder Bewegungsunfähigkeit (dissoziative Bewegungsstörung)
◉ Sehen, Hören oder andere Sinneswahrnehmungen setzen vorübergehend aus
◉ Körpergrenzen werden als unscharf oder aufgelöst erlebt
Empfindungen: Sehr variabel – von angenehmer Schwerelosigkeit bis zu tiefer Beunruhigung. Besonders bei Betroffenen mit Traumageschichte kann diese Form als Schutz entstanden sein: Der Körper „schaltet ab“, um überwältigende Empfindungen nicht durchlassen zu müssen.
Typische Äußerungen
„Ich spüre meinen Körper nicht mehr – als wäre er nicht da.“
„Meine Beine fühlen sich an wie Watte.“
„Ich konnte mich nicht bewegen, obwohl ich es wollte.“
„Ich habe die Verletzung erst Stunden später bemerkt.“
„Es ist, als würde mein Körper mir nicht gehören.“
Abgrenzung: Anders als Depersonalisation geht es hier nicht um die Fremdheit des Selbst als Person, sondern konkret um die Unterbrechung körperlicher Signale. Körperliche Ursachen müssen ärztlich ausgeschlossen werden, bevor eine dissoziative Ursache angenommen wird.
6. Identitätsbezogene Dissoziation
Diese Form wird im vorliegenden Artikel ausführlich behandelt,
Die DIS beginnt schon im Kindesalter, bleibt aber oft lange unerkannt. Die Diagnose erfolgt durch sorgfältige Anamnese. Viele Fälle werden jedoch nie diagnostiziert, weil die Symptome oft als Depression, Angststörung, Schizophrenie oder Borderline-Störung fehlinterpretiert werden.
Wichtig: Dissoziation tritt in verschiedenen Formen auf und kann unterschiedliche Ursachen haben. Nicht jede Dissoziation spricht für eine Dissoziative Identitätsstörung. Auch eine identitätsbezogene Dissoziation kann andere Ursachen haben und beispielsweise im Rahmen einer komplexen Posttraumatische Belastungsstörung auftreten. Eine sorgfältige diagnostische Abklärung ist notwendig, um nicht vorschnell eine DIS anzunehmen.
Formen und Prävalenz
Die DIS zeigt sich in verschiedenen Ausprägungen. Manche Betroffene haben eine voll ausgeprägte DIS und erleben ihre unterschiedlichen Identitätszustände als klar abgegrenzte „Persönlichkeiten“ mit eigenen Namen und Charaktereigenschaften. Andere beschreiben subtilere Verschiebungen in ihrem Selbsterleben. Gemeint sind starke innere Stimmen/Impulse, innere Dialoge und ein zeitweiliges Gefühl des inneren Ringens („Anteile wollen nach vorne und bestimmen“). Dabei wird aber überwiegend ein kontinuierliches Handlungsgefühl erlebt und es treten nur begrenzt Erinnerungslücken auf. Nach ICD-11 spricht man dann von einer partiellen DIS.
Bei manchen Menschen gibt es eine stark ausgeprägte „Persönlichkeit“, während andere Anteile eher im Hintergrund präsent sind. Die Anzahl der Identitätszustände kann von zwei bis zu über hundert variieren.
DIS gilt international als seltene Störung, doch genaue Zahlen variieren. In Deutschland wird ihre Prävalenz auf etwa 0,5–1 % der Bevölkerung geschätzt. Weltweit liegen Schätzungen im Bereich von etwa 1–1,5 %. Frauen sind etwas häufiger betroffen als Männer. Einige Studien gehen jedoch von einer hohen Dunkelziffer aus. Eine amerikanische Studie fand eine 12-Monats-Prävalenz von rund 1,5 % bei Männern und Frauen gleichermaßen, d. h. ca. 15 von 1000 Menschen erfüllten innerhalb der letzten 12 Monate die Kriterien einer DIS.
Entstehung und Ursachen
Die überwiegende Mehrheit der Fachleute sieht die DIS als Folge schwerer, wiederholter Traumatisierungen in der frühen Kindheit, typischerweise vor dem fünften bis neunten Lebensjahr. Besonders häufig werden sexueller, physischer oder emotionaler Missbrauch sowie schwere Vernachlässigung als auslösende Faktoren identifiziert. Auch Unfälle oder schwere Erkrankungen in der Kindheit mit Krankenhausaufenthalten werden als Faktoren diskutiert. Über 90 Prozent der Betroffenen berichten von traumatischen Kindheitserfahrungen. Es ist möglich, dass auch die verbleibenden 10 Prozent traumatische Krisen als Kind durchlebt haben, aber sie sich lediglich nicht mehr daran erinnern können, weil sie zu jung waren.
Die Dissoziation wird als Überlebensmechanismus verstanden: Das Kind „trennt“ unerträgliche Erfahrungen vom bewussten Erleben ab und entwickelt separate Identitätszustände, die unterschiedliche Aspekte der Persönlichkeit oder verschiedene Funktionen übernehmen. Typische Funktionen sind, z. B. „Beschützer“, welcher weiteren Missbrauch verhindern soll. Der „Caretaker/Versorger“ kümmert sich um Innen- oder Außenbedürfnisse. Manche Anteile tragen Trauma-Erinnerungen und tragen gewissermaßen das Leid, das andere Anteile nicht tragen müssen. Oft gibt es auch einen Alltagsanteil („Host“), der am häufigsten „vorn“ bzw. im Alltag präsent ist. Diese Aufzählung von typischen Anteilen ist unvollständig und jedes „System“ (Mensch mit einer DIS) ist unterschiedlich. Während dieser Prozess der Aufspaltung in der traumatischen Situation schützend wirkt, verfestigt er sich und wird später dysfunktional.
Nicht jedes traumatisierte Kind entwickelt eine DIS. Es wird angenommen, dass zusätzliche Faktoren wie eine genetische Veranlagung zu Dissoziation, das Fehlen schützender Bezugspersonen, die Schwere und Chronizität der Traumata sowie das Alter bei der Traumatisierung eine Rolle spielen. Soweit bekannt, entsteht eine DIS nur in der Kindheit. Dies mag daran liegen, dass das „eigene Ich“ sich bis dahin noch nicht vollständig ausgebildet hat und das kindliche Gehirn aufgrund seiner sehr hohen Plastizität zu dieser Form von Abspaltung fähig ist. Ältere Menschen können zwar auch infolge von traumatischen Erlebnissen dissoziative Störungen entwickeln, bleiben aber eine Identitätseinheit. Die Sorge, man könne infolge einer Traumatherapie und durch Dissoziationen eine DIS entwickeln, ist unbegründet.
Debatte: Über die genauen Ursachen einer DIS und ihre Mechanismen wird schon seit Jahrzehnten gestritten. Es steht fest, dass es noch viele offene Fragen gibt und weiterer Forschungsbedarf besteht. Mit Recht sollte nicht voreilig eine DIS-Diagnose gestellt werden, und auch während der Diagnostik muss achtsam vorgegangen werden, um das Risiko der Suggestion zu minimieren. Deswegen ist eine professionelle Behandlung zwingend notwendig und eine Selbstdiagnose oder eine laienhafte Diagnose sind potenziell schädlich. Vorsicht vor selbsternannten Experten in den sozialen Medien.
Die starke Fassung der sogenannten soziokognitiven Position ist jedoch nicht haltbar, wenn sie behauptet, DIS sei im Wesentlichen nur iatrogen, also durch Therapie erzeugt, oder lediglich ein kulturelles Artefakt. Die vorliegende Forschung spricht gegen eine rein suggestive oder ausschließlich rollentheoretische Erklärung. Zwar können therapeutische Erwartungen, Hypnose, Medienbilder und kulturelle Skripte die Symptomdarstellung beeinflussen und in Einzelfällen vermutlich auch verstärken. Daraus folgt jedoch nicht, dass alle DIS-Fälle auf Suggestion oder Rollenspiel zurückzuführen sind.
Gegen eine rein iatrogene Erklärung spricht unter anderem, dass bei einem Teil der Patientinnen und Patienten dissoziative Symptome bereits vor einer DIS-spezifischen Behandlung dokumentiert oder durch Fremdberichte, frühere Krankenakten, Tagebücher und biografische Verläufe rekonstruierbar sind. Dazu zählen Amnesien, Depersonalisation, Derealisation, innere Stimmen, Zustandswechsel und massive Diskontinuitäten im Selbst- und Handlungserleben.
Zusätzlich zeigen neurobiologische und psychophysiologische Studien, dass DIS mit messbaren Unterschieden in Hirnstruktur, Hirnfunktion und körperlicher Reaktivität einhergehen kann. Befunde zu Hippocampus- und Amygdala-Volumina sowie zu unterschiedlichen Aktivierungsmustern zwischen Identitätszuständen sprechen gegen die einfache Annahme, es handle sich stets nur um bewusstes Rollenspiel.
Historische und kulturvergleichende Befunde sprechen ebenfalls gegen eine ausschließlich moderne, westlich-therapeutische Erzeugung dissoziativer Identitätsphänomene. Dissoziative Zustände, Amnesien und identitätsähnliche Wechsel wurden bereits im 19. Jahrhundert und in unterschiedlichen kulturellen Kontexten beschrieben.
Tabu-Bruch vertritt, wie der Großteil der Therapeutinnen und Therapeuten in Deutschland, das hier beschriebene Traumamodell (mit Aspekten des strukturellen Dissoziationsmodells). Diese Sicht wird auch von Gesellschaften wie ISSTD (International Society for the Study of Trauma and Dissociation) und der Deutschsprachigen Gesellschaft für Psychotraumatologie (DeGPT) geteilt.
Komplikationen und Probleme
Die DIS geht mit erheblichen Beeinträchtigungen einher. Betroffene leiden häufig unter:
- Gedächtnisproblemen: Massive Erinnerungslücken betreffen nicht nur traumatische Ereignisse, sondern auch alltägliche Situationen. Betroffene finden sich an Orten wieder, ohne zu wissen, wie sie dorthin gekommen sind, oder entdecken Gegenstände in ihrem Besitz, an deren Erwerb sie sich nicht erinnern können.
- Zeitverlust: Stunden oder sogar Tage können „fehlen“, wenn verschiedene Anteile die Kontrolle übernommen haben.
- Beziehungsschwierigkeiten: Die wechselnden Anteile mit unterschiedlichen Vorlieben, Erinnerungen und Verhaltensweisen machen stabile Beziehungen extrem herausfordernd.
- Komorbide Störungen: DIS geht häufig mit Depressionen, Angststörungen, PTBS, Substanzgebrauchsstörungen, Essstörungen, Selbstverletzung und erhöhter Suizidalität einher. Diese hohe Komorbidität erschwert die Diagnostik, da viele Symptome der DIS – etwa Amnesien, innere Stimmen, Depersonalisation, Derealisation oder Zustandswechsel – mit Symptomen anderer Störungen überlappen und daher sorgfältig differenzialdiagnostisch abgeklärt werden müssen.
- Berufliche Einschränkungen: Die Symptomatik erschwert oft die Aufrechterhaltung einer regelmäßigen Beschäftigung. Allerdings sind auch Fälle bekannt, in denen Menschen mit einer DIS anspruchsvolle Berufe, wie Ärzte und Anwälte ausführen können.
- Alltägliche Einschränkungen: Sollten „Wechsel“ unkontrolliert erfolgen, kann dies das Leben verkomplizieren, da z. B. ein „Innenkind“ nicht alle Aufgaben ausführen kann, wie ein erwachsener Anteil – etwa ein Fahrzeug steuern. Auch nehmen Anteile nicht immer gleich viel Rücksicht auf andere Anteile oder auf den Körper. So kann z. B. ein Anteil den Körper schädigen wollen (SVV) oder sich anders unvernünftig oder verantwortungslos verhalten.
- Stigmatisierung: Betroffene erleben häufig Unverständnis, Ablehnung oder werden nicht ernst genommen, was zu sozialer Isolation führt.
Behandlungsmöglichkeiten
Empfohlendes Vorgehen: Bei Patientinnen und Patienten, die überzeugt sind, an einer DIS zu leiden, sollte das subjektive Erleben ernst genommen und sorgfältig differenzialdiagnostisch abgeklärt werden, ohne die Selbstdiagnose vorschnell zu bestätigen oder abzuwerten. Bei bestätigter DIS sollte das Erleben der Betroffenen validiert werden, zugleich sollten suggestive Interventionen vermieden werden, die eine weitere Ausformung, Verselbstständigung oder Dramatisierung von Identitätszuständen fördern könnten. Die Ziele der Behandlung sollten vielmehr die Stabilisierung, die Verbesserung der Affektregulation, die Verringerung von Amnesien und Kontrollverlust sowie die Entwicklung von mehr innerer Kooperation, Kontinuität und Kohärenz des Selbsterlebens sein.
Die Behandlung der DIS ist langwierig, komplex und anspruchsvoll. Sie erstreckt sich oft über Jahre und erfordert spezialisierte therapeutische Expertise. Der Standard ist eine traumafokussierte Psychotherapie, die typischerweise in drei Phasen verläuft:
→ Phase 1 – Stabilisierung: Aufbau einer therapeutischen Beziehung, Symptommanagement, Entwicklung von Bewältigungsstrategien und Sicherheit im Alltag. Betroffene lernen Techniken zur Affektregulation und zum Umgang mit Dissoziation.
→ Phase 2 – Traumabearbeitung: Vorsichtige Annäherung an und Verarbeitung der traumatischen Erinnerungen. Dies geschieht unter sorgfältiger Beachtung der Belastbarkeit der Person.
→ Phase 3 – Integration und Rehabilitation: Förderung der Kommunikation zwischen den Anteilen, Stärkung der inneren Zusammenarbeit und zunehmende Integration der Persönlichkeitsanteile. Wichtig: Das Ziel ist nicht zwingend eine vollständige Verschmelzung aller Anteile (umfassende Integration), sondern vielmehr ein harmonisches Zusammenleben und die Reduktion von Leidensdruck.
Die Therapiephasen können je nach Persönlichkeitsanteilen unterschiedlich weit fortschreiten und evtl. mehrfach durchlaufen werden, wenn z. B. eine erneute Stabilisierung notwendig ist. Die Phase 3 wird bei vielen Betroffenen nie abgeschlossen.
Medikamente können begleitend eingesetzt werden, um komorbide Symptome wie Depressionen, Angst oder Schlafstörungen zu behandeln, heilen aber nicht die DIS selbst. Ergänzende Therapieformen wie zum Beispiel Kunsttherapie, Körpertherapie, Ergotherapie oder tiergestützte Therapie (z. B. mit einem Therapiehund) können hilfreich sein. Eine DIS-Behandlung erfordert jedoch immer besondere Expertise. Wichtig ist ein ganzheitlicher Ansatz, der auch soziale Unterstützung und gegebenenfalls Hilfe bei praktischen Lebensfragen einbezieht.
Es gibt auch neue Therapieansätze, die derzeit weiter erforscht werden.
Vorurteile versus Realität
Vorurteil: „DIS-Betroffene sind gefährlich oder unberechenbar.“
Realität: Menschen mit DIS sind nicht gefährlicher als die Allgemeinbevölkerung. Im Gegenteil, sie waren in ihrer Kindheit meist Opfer von Gewalt und zeigen eher selbstverletzendes als fremdaggressives Verhalten. Dramatische Darstellungen in Filmen entsprechen nicht den allgemeinen Erfahrungen.
Vorurteil: „Die Störung ist extrem selten.“
Realität: DIS ist seltener als Depression oder Angststörungen, aber keineswegs so rar wie oft angenommen. Die Störung wird zudem häufig übersehen oder fehldiagnostiziert, da Betroffene ihre Symptome aus Scham verbergen. Vermutlich gibt es eine hohe Dunkelziffer.
Vorurteil: „Betroffene simulieren oder übertreiben ihre Symptome für Aufmerksamkeit.“
Realität: DIS ist eine reale, ernst zu nehmende Erkrankung mit neurobiologischen Befunden (siehe unten). Betroffene leiden erheblich und versuchen oft, ihre Symptome zu verbergen, nicht zu betonen.
Vorurteil: „DIS gibt es gar nicht! Das wird Menschen nur durch Therapeuten eingeredet (False Memory)!“
Realität: Die Störung ist fachlich anerkannt (ICD-11 und DSM-5) und es gibt neurologische Befunde (Bildgebungsstudien zeigen messbare Unterschiede in Hirnaktivität und -struktur bei DIS-Betroffenen). Außerdem gibt es die Erkrankung länderübergreifend und kulturunabhängig. Es ist kein „Modephänomen“. Viele Betroffene berichten bereits vor Therapiebeginn von Erinnerungslücken, inneren Stimmen oder Zeitverlusten – die typischen DIS-Symptome entstehen also nicht erst durch Suggestion. Diese frühen Fälle sind durch Zeugenaussagen, Kinderakten, Schulberichte und persönliche Aufzeichnungen, wie Tagebücher dokumentiert. Allerdings scheint es auch kulturabhängige Effekte/therapeutische Nebenwirkungen zu geben und es gibt wie bei anderen Krankheiten und Störungen auch Fehldiagnosen – und natürlich falsche Selbstdiagnosen. Dieses muss ernst genommen werden. Siehe „Empfohlendes Vorgehen“ bei Behandlungsmöglichkeiten (oben).
Vorurteil: „Eine Heilung ist unmöglich.“
Realität: Mit adäquater, langfristiger Therapie können Betroffene eine deutliche Verbesserung ihrer Lebensqualität erreichen. Viele lernen, ihre Symptome zu managen und ein weitgehend normales Leben zu führen.
Vorurteil: „DIS … Schizo – alles das Gleiche!“
Realität: DIS ist eine dissoziative Störung, keine Psychose. Bei Schizophrenie dominieren Halluzinationen und Wahnvorstellungen, was bei DIS nicht der Fall ist. DIS betrifft die Identität und Erinnerung, Schizophrenie dagegen das Denken.
Unterstützung für Betroffene – hilfreiches Verhalten:
Als außenstehende Person – ob Angehöriger, Freund oder Kollege – kannst du wichtige Unterstützung leisten:
◉ Glauben schenken und Akzeptanz zeigen: Nimm die Erfahrungen der betroffenen Person ernst – auch wenn sie für dich schwer nachvollziehbar sind. Dein Glaube an die Realität ihrer Symptome ist fundamental wichtig.
◉ Geduld aufbringen: Verstehe, dass Gedächtnislücken, Stimmungsschwankungen oder Verhaltensänderungen Teil der Störung sind und nichts mit dir persönlich zu tun haben. Der Umgang mit Menschen, die an DIS leiden, kann herausfordernd sein. Bleib geduldig und rechne mit möglichen Rückschlägen.
◉ Achte aber auch auf dich selbst: Sprich mit vertrauten Personen über deine Erfahrungen oder hol dir bei Bedarf psychologische Unterstützung. Nur wer selbst stabil bleibt, kann langfristig gute Hilfe leisten.
◉ Verlässlichkeit bieten: Sei eine stabile, berechenbare Präsenz im Leben der betroffenen Person. Vermeide abrupte Veränderungen oder Unzuverlässigkeit.
◉ Grenzen respektieren: Dränge nicht auf Details über Traumata oder die verschiedenen Identitätszustände. Lass die betroffene Person das Tempo und den Umfang des Austauschs bestimmen.
◉ Praktische Hilfe anbieten: Unterstütze dabei, Therapietermine wahrzunehmen und ggf. Medikamente regelmäßig einzunehmen. Biete praktische Hilfe an, etwa beim Organisieren von Terminen oder bei Fahrten oder bei anderen Dingen, die schwierig für Betroffene sind.
◉ Therapie unterstützen: Ermutige zur professionellen Hilfe und biete an, die Person zu Arzt- oder Therapieterminen zu begleiten, wenn sie das möchte. Hilfe bei der Suche nach spezialisierten Traumatherapeuten kann sehr wertvoll sein. Sei bereit, auch längerfristig eine verlässliche Ansprechperson zu bleiben.
◉ Klare Grenzen setzen: Akzeptiere nicht jedes Verhalten unreflektiert – etwa selbstverletzendes oder grenzüberschreitendes Verhalten. Setze klare, respektvolle Grenzen und erkläre ruhig, welches Verhalten für dich akzeptabel ist. Vermeide es, „Partei“ für eine bestimmte Identität zu ergreifen, und habe auch Geduld mit Anteilen, die sich unvernünftig oder feindselig verhalten.
◉ Weiterbildung: Informiere dich über die Störung, um besser zu verstehen, was in der betroffenen Person vorgeht, und um Vorurteile abzubauen.
◉ Normalität wahren: Behandle die Person als das, was sie ist: ein vollständiger Mensch mit einer Erkrankung – nicht „gestört“ oder „schräg“.
Schädliches Verhalten vermeiden:
Bestimmte Verhaltensweisen können die Situation verschlechtern:
◉ Voyeurismus: Zeige keine übermäßige Neugier auf die verschiedenen Anteile und frage nicht nach traumatischen Details. Das ist belastend und unangemessen. Warte darauf, was der andere bereit ist, mit dir zu teilen, so wie du auch bei anderen Menschen deren Privatsphäre respektieren würdest.
◉ Bevorzugung einzelner Identitätszustände: Versuche nicht, gezielt mit bestimmten Zuständen zu interagieren oder andere abzulehnen – das kann die innere Fragmentierung verstärken. Lebe in Wort und Tat nach dem Motto „Jeder ist willkommen!“. Das heißt nicht, dass man mit jedem die gleiche Beziehung haben kann.
◉ Dramatisierung: Mach die Symptome nicht zum Spektakel. Die Störung ist für Betroffene mit großem Leiden verbunden. Habe auch Respekt davor! Behalte die Erkrankung für dich und erzähle niemandem ohne Einwilligung des Betroffenen davon. Betroffene sind keine „Zirkustiere“, die man vorführen darf.
◉ Zweifel und Verharmlosung: Aussagen wie „Das bildest du dir nur ein“, „Reiß dich zusammen“ oder „Verstell dich nicht so“ sind verletzend und kontraproduktiv. Sie verursachen noch mehr Leid und führen zum Rückzug
◉ Übergriffigkeit: Respektiere physische und emotionale Grenzen besonders sorgfältig. Unerwartete Berührungen oder zu große Nähe können Flashbacks oder Dissoziationen auslösen. Versuche nie, bestimmte Anteile gezielt nach „vorne“ zu holen.
◉ Unprofessionelle „Therapieversuche“: Die Behandlung einer DIS gehört in Expertenhände mit entsprechender Qualifikation. Die Zusammenhänge bei einer DIS sind komplex und laienhafte Versuche können unerwünschte Folgen haben, die möglicherweise auch überfordernd für alle Beteiligten sein können.
◉ Verwende keine abwertenden oder stereotypischen Ausdrücke oder Vergleiche aus Spielfilmen.
◉ WICHTIG: Versuche, Probleme, Meinungsverschiedenheiten oder Planänderungen nicht einfach mit der DIS zu erklären. Sag also nicht: „Deine DIS macht unsere Pläne kaputt!“ oder „Das war bestimmt wieder ein anderer Anteil!“. Auch Menschen ohne DIS („Unos“) können verschiedene Meinungen haben, diese ändern und Stimmungsschwankungen oder schlechte Tage haben. Beziehungsprobleme, Spannungen und Veränderungen – all das gibt es auch bei „Unos“. Solche Aussagen sind für die betroffene Person schädlich, da es zur Entmenschlichung (Reduktion auf die DIS-Diagnose) kommt und einen Autonomieverlust darstellt: Normale menschliche Reaktionen werden hier pathologisiert. Außerdem kommt es zur Verunsicherung: Ähnlich wie beim Gaslighting können eigene Gefühle/Entscheidungen nicht mehr eingeordnet werden. Auch für die gemeinsame Beziehung ist dies schädlich: Echte Gespräche über Konflikte werden vermieden und eigentliche Beziehungsthemen bleiben unbearbeitet. Ferner wird so verhindert, dass Betroffene Verantwortung für ihr Handeln übernehmen können. Das bedeutet nicht, dass DIS-spezifische Herausforderungen wie Amnesie oder Switches ignoriert werden sollten, aber nicht jedes Problem ist automatisch DIS-bedingt.
Wenn Spannungen auftreten, versuche es so:
✓ „Ich merke, du siehst das heute anders als gestern. Können wir darüber reden?“
✓ „Ich bin frustriert, dass sich unsere Pläne ändern. Was ist passiert?“
✓ „Ich spüre Spannung zwischen uns. Wollen wir klären, worum es geht?“
Fazit
Die dissoziative Identitätsstörung ist eine schwere, aber behandelbare psychische Erkrankung, die aus schwersten Traumatisierungen in der Kindheit resultiert. Betroffene benötigen spezialisierte therapeutische Hilfe, gesellschaftliches Verständnis und ein unterstützendes soziales Umfeld. Die DIS gehört mit zu den am stärksten stigmatisierten Erkrankungen, die zudem auf viele Menschen beängstigend wirkt und schwer vorstellbar ist. Durch Aufklärung, Entstigmatisierung und respektvolle Begegnung können wir als Gesellschaft dazu beitragen, dass Menschen mit DIS die Unterstützung erhalten, die sie verdienen, und ein würdevolles, selbstbestimmtes Leben führen können. Die Anerkennung ihrer Realität und ihres Leids ist der erste Schritt zu echter Hilfe und Heilung.
Beratung
Du möchtest beraten werden oder hast Fragen? Nutze die Seite "Hier findest du Hilfe" oder das Kontaktformular.
Auf dieser Seite findest du Beratungs- und Hilfsangebote in der Nähe!
Hier findest du Hilfe
