ADHS+Störung des Sozialverhaltens

Kurzinfo: Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens / ADHS und Störung des Sozialverhaltens – gemeint ist eine Kombinationsdiagnose, bei der ADHS-Symptome und schwerwiegende Probleme im Sozialverhalten gleichzeitig auftreten – und sich gegenseitig verstärken. In neueren Klassifikationssystemen ICD-11 wird dasselbe Bild als gleichzeitiges Vorliegen von ADHS und einer Störung des Sozialverhaltens beschrieben.

Hinweis

Die Informationen auf dieser Webseite ersetzen keine ärztliche Beratung!

Diagnosen dürfen nur von Fachkräften vorgenommen werden! Selbst wenn bestimmte Merkmale zutreffen, heißt das nicht, dass eine entsprechende psychische Erkrankung vorliegt. Symptome können verschiedene Ursachen haben und in manchen Fällen gibt es auch Ausschlusskriterien, die ebenfalls berücksichtigt werden müssen.

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Was bedeutet diese Störung?

ADHS und Störung des Sozialverhaltens - ein wütender Junge.

Wenn jemand sowohl ADHS als auch eine Störung des Sozialverhaltens hat, kann das nach außen sehr schnell nach „der macht einfach Ärger“ aussehen. Regeln werden gebrochen, Konflikte entstehen scheinbar aus dem Nichts, und das Verhalten wirkt auf andere oft rücksichtslos oder aggressiv. Viele denken dann sofort: schlechte Erziehung, böser Wille, Aufmerksamkeitssuche.

Aber so einfach ist das nicht.

Menschen mit ADHS erleben Gefühle viel intensiver und schneller als andere. Ein kleiner Auslöser, wie etwa ein blöder Kommentar, eine Niederlage oder eine Enttäuschung genügt und führt sofort zu einer riesigen Emotionswelle. Und bevor jemand nachdenken kann, ist die Reaktion schon da. Kommt eine Störung des Sozialverhaltens dazu, wird genau das noch schwieriger: Situationen eskalieren schneller, Grenzen anderer sind schwerer zu spüren, das eigene Verhalten ist schwerer zu steuern.

Das ist kein Trotz und keine Absicht – und es ist keine Frage schlechter Erziehung. Das Gehirn funktioniert hier anders, aus Gründen, die niemand gewählt hat. Das bedeutet nicht, dass Verhalten unveränderbar ist – aber es erklärt, warum es ohne Unterstützung so schwer ist.

Das Gute: Es lässt sich etwas verändern. Nicht sofort, nicht einfach – aber mit der richtigen Unterstützung geht es.

Wie zeigt sich das?

ADHS-Symptome
  • Sehr leicht abgelenkt, vergisst Aufgaben schnell
  • Handelt oft, bevor nachgedacht wurde
  • Kann kaum stillsitzen oder abwarten
  • Ständige innere oder äußere Unruhe

Beispiel: Lea hat sich vorgenommen, heute ruhig zu bleiben. Trotzdem ruft sie dazwischen, steht auf und hat den Auftrag schon vergessen, bevor sie ihn notiert hat. Als ein Mitschüler lacht, fühlt sie sich sofort angegriffen.

Das Thema ADHS / ADS wird auf einer Extraseite ausführlicher behandelt.

Probleme im Sozialverhalten

Das ist mehr als gelegentlicher Streit – es ist ein Muster, das sich über Monate wiederholt und in der Schule, zu Hause und im Freundeskreis auftaucht:

  • Häufige Schlägereien, Drohen, Einschüchtern
  • Dinge absichtlich kaputt machen
  • Stehlen oder anhaltend lügen
  • Schule schwänzen, weglaufen
  • Regeln immer wieder deutlich überschreiten

Beispiel: Jonas schlägt regelmäßig andere, klaut Sachen, lügt, auch wenn er längst aufgeflogen ist. Zu Hause eskaliert fast jedes Gespräch. Er selbst sagt, er wisse nicht, warum er so reagiere.

Wichtig: Nicht jedes aggressive oder impulsive Verhalten ist diese Diagnose. Es können auch andere Ursachen dahinterstecken – zum Beispiel Stress, Mobbing oder traumatische Erfahrungen. Deshalb ist eine genaue Untersuchung so wichtig.

Wie wird die Diagnose gestellt?

Nicht mit einem Online-Test oder einem kurzen Gespräch! Es braucht eine gründliche Untersuchung durch Fachleute – meist Kinder- und Jugendpsychiater oder Psychotherapeuten. Die reden mit dem Kind oder Jugendlichen selbst, mit den Eltern und der Schule, beobachten das Verhalten und nutzen Fragebögen.

Entscheidend: Die Probleme müssen schon länger da sein, in verschiedenen Lebensbereichen vorkommen und deutlich stärker sein als bei Gleichaltrigen. Nicht jeder mit ADHS hat Probleme beim Sozialverhalten – auch Menschen ohne ADHS streiten sich manchmal.

Welche Verwechslungsgefahren gibt es?

Bei reinem ADHS stehen vor allem Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Unruhe im Vordergrund, nicht aber dauerhaft aggressives Verhalten. Oppositionelles Verhalten äußert sich vor allem durch Trotz, Streit und Widerstand gegenüber Erwachsenen, aber ohne ein dauerhaftes Muster schwerer aggressiver oder stark regelverletzender Handlungen. Außerdem können bipolare Störungen oder Autismus auf den ersten Blick ähnlich erscheinen, unterscheiden sich jedoch deutlich in Verlauf und Verhalten.

Wie kann geholfen werden?

Eine wirksame Behandlung erfordert meist mehrere Maßnahmen gleichzeitig: Verhaltenstherapie hilft, Warnsignale früh zu erkennen und Eskalationen zu vermeiden. Eltern‑ und Familientraining unterstützt dabei, klare und konsequente Regeln umzusetzen. Medikamente können ADHS‑Symptome und damit verbundene Aggressionen mindern, ersetzen aber keine Alltags‑ und Verhaltensarbeit. Zusätzlich sind klare schulische Strukturen und eine enge Zusammenarbeit aller Beteiligten wichtig; in schweren Fällen kann auch eine stationäre Behandlung notwendig sein.

Wie sind die Aussichten?

Die Kombination beider Störungsbereiche ist oft besonders belastend. Ohne Hilfe steigt das Risiko für Schulabbruch, Substanzkonsum und anhaltende Probleme im Erwachsenenalter.

Aber: Das ist kein festgelegter Weg. Wer früh Unterstützung bekommt, ein verlässliches Umfeld hat und passend behandelt wird, kann sich deutlich verbessern. Bei vielen werden die ADHS-Symptome mit dem Älterwerden schwächer – vor allem, wenn sie Unterstützung bekommen. Sozialverhaltensprobleme brauchen oft länger – deshalb ist frühe Behandlung so wichtig.

Was kannst du selbst tun?

Wer weiß, dass er bei Provokation in Sekunden explodiert, kann lernen, vorher den Raum zu verlassen. Das klingt wenig – ist aber echte Impulskontrolle und ist schwieriger, als es klingt. Strategien und Tipps zur Umsetzung erfährt man im Rahmen einer Therapie oder bei Vereinen von Betroffenen und Angehörigen.

✅ Allgemeine Tipps:

  • Fester Tagesablauf – Struktur reduziert Anspannung
  • Auf Schlaf, Essen, Bewegung achten
  • Eigene Warnsignale kennenlernen
  • Hilfe annehmen, statt alles allein regeln
  • Kleine Fortschritte festhalten

❌ Was schadet

  • Medikamente eigenmächtig absetzen
  • Alkohol oder Drogen zur Beruhigung
  • Sich komplett zurückziehen
  • Therapie abbrechen, wenn es kurz besser läuft
  • In Selbstvorwürfen versinken und glauben, man ist einfach ein schlechter Mensch

Was können Angehörige tun?

Die Situation ist für Familie und Freunde oft sehr belastend. Auch sie brauchen manchmal Unterstützung.

✅ Was hilft

  • Ruhig und klar sprechen – kurze Sätze
  • Grenzen setzen und verlässlich einhalten
  • Positives Verhalten bewusst benennen
  • Selbst Unterstützung holen, wenn es zu viel wird

❌ Was schadet

  • Anschreien oder beschämen
  • Verhalten als Absicht oder Faulheit sehen
  • Heute streng, morgen locker
  • Drohen ohne echte Konsequenz


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Einleitung

Die Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens (ICD-10: F90.1) ist eine diagnostische Kategorie für das gleichzeitige Vorliegen zweier Störungsbilder: einer hyperkinetischen Störung (im Alltag meist unter ADHS eingeordnet) und einer Störung des Sozialverhaltens.

Ein Junge, der wütend schreit.

Hinweis: Der ICD-10-Code F90.1 stammt aus einem Klassifikationssystem, das schrittweise durch eine neuere Version abgelöst wird: die ICD-11. In dieser neueren Systematik wird die Hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens nicht mehr als eigene Diagnose geführt. Stattdessen werden ADHS und die Störung des Sozialverhaltens als zwei getrennte, aber gleichzeitig vorliegende Diagnosen beschrieben.

Das bedeutet: Das Störungsbild selbst bleibt dasselbe. Nur die Bezeichnung und die Art, wie es im Diagnosesystem eingeordnet wird, ändern sich. Wer vom Arzt oder der Klinik künftig hört, dass „ADHS mit einer Störung des Sozialverhaltens“ vorliege, meint im Wesentlichen dasselbe wie die bisherige Diagnose F90.1

ADHS tritt selten allein auf: Häufige Begleitprobleme sind Schlafstörungen, Angststörungen, Depressionen, oppositionelles Trotzverhalten sowie Lese-, Rechtschreib- und Rechenschwächen. Dieser Artikel konzentriert sich auf eine besonders folgenreiche Kombination: ADHS zusammen mit einer Störung des Sozialverhaltens.

Für Außenstehende wirkt das oft wie „extrem schwieriges Verhalten“. Tatsächlich steckt dahinter ein komplexes Zusammenspiel aus Impulsivität, geringer Frustrationstoleranz, Problemen mit Selbststeuerung und häufig auch belastenden sozialen Umständen. Wer nur das Verhalten sieht, versteht die Störung nicht.

Ursachen: Wie entsteht diese Störung?

Eine häufige und verständliche Reaktion von Eltern auf die Diagnose ist die Frage: „Habe ich etwas falsch gemacht?“ Die kurze Antwort lautet: Nein – aber das Umfeld spielt trotzdem eine wichtige Rolle. Folgendes ist bekannt:

Die Anlage spielt eine große Rolle

ADHS ist zu einem erheblichen Teil erblich bedingt. Das bedeutet: Die Veranlagung zu Unaufmerksamkeit und Impulsivität ist oft von Geburt an angelegt – unabhängig davon, wie ein Kind aufwächst oder erzogen wird. Viele Betroffene erleben zusätzlich eine starke emotionale Reaktivität, also das Gefühl, von Gefühlen schnell überwältigt zu werden – das ist zwar kein offizielles Diagnosekriterium, aber ein häufiges Begleitmerkmal. Auch Störungen des Sozialverhaltens haben eine nachweisbare genetische Komponente. Betroffene Kinder bringen also ein neurologisches Risikoprofil mit, das kein Elternteil verursacht hat und das niemand durch Erziehung allein hätte verhindern können.

Das Umfeld beeinflusst den Verlauf – aber verursacht nicht die Störung

Gleichzeitig zeigt die Forschung: Wie sich diese Veranlagung entwickelt, hängt stark davon ab, was ein Kind erlebt. Ein stabiles, verlässliches Umfeld, klare und faire Regeln, frühzeitige Unterstützung und positive Beziehungen können den Verlauf deutlich günstig beeinflussen. Belastende Umstände wie anhaltender Stress, häufige Konflikte zu Hause oder fehlende Unterstützung können das Störungsbild dagegen verschärfen.

Das ist keine Schuldzuweisung – sondern eine Chance: Denn das Umfeld kann verändert werden. Wer als Elternteil, Lehrkraft oder andere Bezugsperson frühzeitig und verlässlich unterstützt, kann damit wirklich etwas bewirken.

Die Symptome: Was bedeutet das im Alltag?

Betroffene zeigen Merkmale aus zwei Bereichen gleichzeitig:

1. Hyperkinetische Symptome (ADHS-Anteil)
  • Starke Ablenkbarkeit und Konzentrationsprobleme
  • Vorschnelles Handeln, ohne nachzudenken
  • Schwierigkeiten, abzuwarten oder ruhig zu bleiben
  • Innere oder äußere Unruhe, die sich kaum abstellen lässt

Beispiel aus dem Unterricht: Lea hat sich fest vorgenommen, heute ruhig zu bleiben. Aber als die Lehrerin eine Aufgabe erklärt, ruft sie trotzdem dazwischen, steht auf, obwohl das nicht erlaubt ist, und hat den Arbeitsauftrag bereits wieder vergessen, bevor sie ihn aufschreiben konnte. Als ein Mitschüler leise lacht, fühlt sie sich sofort provoziert.

2. Emotionale Dysregulation: Wenn Gefühle überwältigen

Viele Betroffene haben große Schwierigkeiten, ihre Gefühle zu regulieren. Das bedeutet nicht, dass sie keine Emotionen verstehen – sondern dass Gefühle sehr viel schneller, stärker und überwältigender ankommen als bei anderen Menschen, und dass es deutlich schwerer fällt, sie wieder zu beruhigen.

Typische Zeichen sind:

  • Intensive, scheinbar unverhältnismäßige Reaktionen auf kleine Auslöser
  • Sehr schnelle Stimmungswechsel – von ruhig zu wütend innerhalb von Sekunden
  • Das Gefühl, in bestimmten Momenten keine Kontrolle über die eigene Reaktion zu haben
  • Starke Enttäuschung oder Frustration, wenn etwas nicht wie erwartet läuft

Beispiel aus dem Alltag: Mia verliert beim Brettspiel. Für andere Kinder ist das ärgerlich, aber aushaltbar. Für Mia fühlt es sich in diesem Moment katastrophal an. Der Ärger kommt blitzartig und ist so groß, dass sie das Spielbrett umwirft, schreit und das Zimmer verlässt – obwohl sie das eigentlich gar nicht wollte.

Für Angehörige ist das oft schwer zu verstehen, weil die Reaktion weit über den Anlass hinausgeht. Wichtig zu wissen: Das ist kein Trotz und keine Absicht, sondern ein neurobiologisch bedingtes Regulationsproblem. Die Reaktion fühlt sich für die Betroffenen selbst genauso unkontrollierbar an, wie sie von außen wirkt. Dieses Wissen kann helfen, ruhiger zu bleiben – und damit deeskalierend zu wirken.

3. Auffälligkeiten im Sozialverhalten

Hier geht es nicht um gelegentlichen Streit oder Trotz, sondern um ein über längere Zeit wiederkehrendes und deutlich altersuntypisches Muster, das über längere Zeit anhält und zu deutlichen Problemen im Alltag, in der Familie, in der Schule oder mit Gleichaltrigen führt:

  • Häufige körperliche Auseinandersetzungen, Drohen oder Einschüchtern
  • Absichtliches Zerstören von Dingen
  • Stehlen oder massives Lügen
  • Schulschwänzen, Weglaufen
  • Bewusste und anhaltende Missachtung wichtiger Regeln

Beispiel aus dem Freundeskreis: Jonas gerät nicht nur manchmal in Streit – er schlägt regelmäßig andere, klaut Mitschülern Sachen, lügt auch dann weiter, wenn er längst aufgeflogen ist, und hält sich kaum an Grenzen. Zu Hause eskaliert fast jedes Gespräch. In der Schule droht der Ausschluss. Er selbst sagt, er wisse nicht, warum er so reagiert.

Wichtig: Nicht jedes impulsive oder aggressive Verhalten bedeutet automatisch diese Diagnose. Kinder und Jugendliche können auch aus anderen Gründen auffällig sein – durch Stress, Überforderung, Mobbing, traumatische Erfahrungen oder andere psychische Erkrankungen. Eine genaue Diagnostik ist deshalb unverzichtbar.

Häufigkeit der Störung

Man geht davon aus, dass etwa 3–5 % der Kinder und Jugendlichen von ADHS betroffen sind. Bei einem Teil dieser Betroffenen treten zusätzlich ausgeprägte Verhaltensprobleme im Sinne einer Störung des Sozialverhaltens auf; je nach Studie betrifft dies ungefähr 15–30 % der Kinder mit ADHS.

Insgesamt wird die hyperkinetische Störung des Sozialverhaltens (ICD-10: F90.1) auf etwa 1 % der Kinder und Jugendlichen geschätzt. Damit handelt es sich um eine deutlich seltenere und schwerere Ausprägung innerhalb des ADHS-Spektrums.

Jungen sind insgesamt häufiger betroffen als Mädchen, mit einem Verhältnis von etwa 3–4 zu 1. Dabei werden Mädchen in der Praxis häufig weniger leicht erkannt, da ihre Symptome häufiger weniger durch äußere Auffälligkeit, sondern eher durch Unaufmerksamkeit geprägt sind.

Wichtig ist, dass die genaue Häufigkeit der F90.1-Diagnose schwer zu bestimmen ist, da sie nur selten in großen Bevölkerungsstudien separat erfasst wird und viele Angaben auf klinischen Stichproben beruhen.

Diagnostik

Die Diagnose wird nicht über einen Online-Test oder ein einzelnes Gespräch gestellt. Sie braucht eine gründliche kinder- und jugendpsychiatrische oder psychotherapeutische Abklärung. Dazu gehören:

  • Gespräche mit dem Kind oder Jugendlichen selbst
  • Gespräche mit Eltern oder anderen Bezugspersonen
  • Rückmeldungen aus Schule oder Ausbildung
  • Verhaltensbeobachtung, Fragebögen und standardisierte Testverfahren
  • Ärztliche Untersuchung zum Ausschluss körperlicher Ursachen

Entscheidend ist: Die Probleme müssen über längere Zeit auftreten, sich in mehr als einem Lebensbereich zeigen, deutlich stärker sein als altersüblich – und zu einer klaren Beeinträchtigung führen.

Weitere Störungen, die gleichzeitig auftreten können

Bei Kindern und Jugendlichen mit einer Hyperkinetischen Störung des Sozialverhaltens liegen häufig noch weitere psychische Belastungen vor – manchmal bereits bekannt, manchmal noch unerkannt. Fachleute sprechen dann von „Komorbiditäten“, also Begleitstörungen.

Häufig beschrieben sind:

  • Depressive Verstimmungen oder Niedergeschlagenheit – oft als Folge von wiederholtem Scheitern, Ablehnung und Konflikten
  • Angststörungen – die sich hinter aggressivem Verhalten verbergen können und nicht immer auf den ersten Blick sichtbar sind
  • Lern- und Leistungsschwierigkeiten – nicht weil das Kind nicht intelligent ist, sondern weil Konzentrationsprobleme und emotionale Belastung das Lernen erschweren
  • Substanzmissbrauch – vor allem im Jugendalter, wenn Alkohol oder andere Mittel als Selbstberuhigung eingesetzt werden
Was das für Angehörige bedeutet

Wenn eine Behandlung anläuft, aber nur mäßig wirkt, kann eine unerkannte Begleitstörung der Grund sein. Es lohnt sich, aktiv nachzufragen: „Wurde auch auf Depressionen oder Angststörungen untersucht?“ Das ist kein Misstrauen gegenüber Fachkräften – sondern wichtige Mitarbeit im Behandlungsprozess.

Außerdem gilt: Wer hinter aggressivem oder schwierigem Verhalten manchmal auch Erschöpfung, Traurigkeit oder Angst vermutet, liegt oft richtig. Dieser Blickwechsel kann die Beziehung zum betroffenen Kind oder Jugendlichen spürbar verändern.

Womit wird sie verwechselt?

Ähnliches Verhalten kann auch bei anderen Problemen entstehen. Deshalb ist die genaue Abgrenzung so wichtig:

Reine ADHS (F90.0)

Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Überaktivität stehen im Vordergrund. Regelverstöße passieren oft spontan und unüberlegt – aber nicht als anhaltendes Muster von schwerem, sozialverletzendem Verhalten.

Störung des Sozialverhaltens ohne ADHS (F91)

Aggressives oder regelverletzendes Verhalten, aber ohne das typische ADHS-Bild mit ausgeprägten Aufmerksamkeits- und Aktivitätsproblemen.

Oppositionelles Verhalten (F91.3)

Trotziges oder aufsässiges Verhalten gegenüber Erwachsenen und Regeln – aber typischerweise ohne das ausgeprägte, wiederholte Muster schwerer aggressiver oder deutlich sozialverletzender Handlungen, wie es für eine Störung des Sozialverhaltens typisch ist.

Traumafolgestörungen (z. B. PTBS)

Wer Gewalt, Vernachlässigung oder andere belastende Erfahrungen gemacht hat, kann ebenfalls unruhig, aggressiv oder unberechenbar wirken – mit einem ganz anderen Ursprung.

Bipolare Störung oder andere psychische Erkrankungen

Reizbarkeit, Impulsivität und starke Stimmungsschwankungen können ähnlich wirken. Bei bipolaren Störungen stehen eher klar abgrenzbare Phasen mit deutlicher Stimmungsveränderung im Vordergrund; die Unterscheidung kann jedoch fachlich schwierig sein.

Autismus-Spektrum-Störung

Manche sozialen Schwierigkeiten oder Verhaltensauffälligkeiten können oberflächlich ähnlich wirken. Ursachen, Muster und Qualität der sozialen Interaktion sind jedoch deutlich verschieden.

Therapiemöglichkeiten – Wie wird behandelt?

Die Behandlung besteht fast immer aus mehreren Bausteinen gleichzeitig. Eine einzelne Maßnahme reicht meistens nicht aus.

Psychotherapie und Verhaltenstherapie

Ziel ist unter anderem, Impulse besser zu kontrollieren, Ärger früher zu erkennen, Konflikte anders zu lösen und die Folgen des eigenen Verhaltens besser einzuschätzen.

Beispiel aus der Therapie: Statt bei Ärger sofort zuzuschlagen oder etwas kaputtzumachen, lernt man Schritt für Schritt, Warnzeichen zu erkennen (Herzklopfen, Enge im Brustkorb), kurz Abstand zu gewinnen – zum Beispiel herauszugehen – und dann anders zu reagieren, bevor die Situation eskaliert.

Eltern- und Familientraining

Gerade bei Kindern und Jugendlichen ist das oft ein zentraler Teil der Behandlung. Eltern lernen, klare Regeln zu setzen, konsequent und ruhig zu reagieren und positives Verhalten gezielt zu stärken. Chaotische oder ständig wechselnde Reaktionen – heute streng, morgen nachgiebig – verstärken die Probleme meist.

Medikamente

Medikamente können vor allem die ADHS-Symptome wie Unaufmerksamkeit, Impulsivität und Unruhe verringern. Dadurch können sich auch aggressive Reaktionen teilweise verringern. Sie ersetzen aber nicht die eigentliche Arbeit an Verhalten, Umfeld und Konfliktmustern.

Schulische Unterstützung

Klare Strukturen, feste Abläufe, kurze und eindeutige Anweisungen – und eine enge Zusammenarbeit zwischen Schule, Familie und Behandlungsteam – können viel bewirken.

Intensivere Hilfen

Bei schweren Verläufen kann auch eine teilstationäre oder stationäre Behandlung nötig sein – etwa wenn es häufig zu Gewalt, Weglaufen, massiven Schulproblemen oder großer Überforderung zu Hause kommt.

Wie ist die Prognose?

Die Kombination beider Störungsbilder ist oft mit einer höheren Belastung und einem erhöhten Risiko für anhaltende Probleme verbunden. Ohne passende Hilfe steigt das Risiko für Schulprobleme, Substanzkonsum, Konflikte mit dem Gesetz und dauerhafte Beeinträchtigungen im Erwachsenenalter.

Wichtig: Die Entwicklung ist nicht festgelegt. Frühzeitige Unterstützung, ein verlässliches Umfeld und eine passende Behandlung können viel verändern. Besonders günstig sind: frühe Diagnostik, stabile Bezugspersonen, konsequente, aber faire Regeln und eine gute Zusammenarbeit zwischen Familie, Schule und Fachkräften.

Bei ADHS-Symptomen tritt bis zum Erwachsenenalter bei einem Teil der Betroffenen eine deutliche Verbesserung ein. Probleme im Sozialverhalten können anhaltender sein, vor allem wenn sie früh beginnen und unbehandelt bleiben.

Was können Betroffene selbst tun?

✅ Hilfreich

  • Möglichst festen Tagesablauf einhalten – Vorhersehbarkeit reduziert Anspannung
  • Schlaf, Essen und Bewegung nicht aus dem Blick verlieren
  • Eigene Warnsignale für Ärger kennenlernen (Körpergefühl, Gedanken)
  • Konflikte nicht bis zum Knall laufen lassen – früh herausgehen
  • Professionelle Unterstützung annehmen, statt alles allein regeln zu wollen. Hier lernt man auch Strategien, um mit herausfordernden Situationen umgehen zu können.
  • Kleine Fortschritte festhalten – sie zeigen, dass etwas wirkt
  • Austausch mit anderen Betroffenen, die auf einem gesunden Weg sind.

❌ Schädlich

  • Medikamente eigenmächtig absetzen oder verändern
  • Alkohol oder Drogen als Beruhigung – erhöhtes Abhängigkeitsrisiko
  • Sich komplett zurückziehen
  • Nur auf Strafen setzen, aber nichts am Alltag verändern
  • Probleme als reinen schlechten Charakter deuten oder alles durch die Störung als unveränderlich darstellen – das blockiert jede Veränderung
  • Behandlung zu früh abbrechen, weil es kurz besser läuft

Was können Angehörige tun?

Für Eltern, Geschwister, Partner oder andere nahestehende Personen ist die Situation oft sehr belastend. Auch wer nicht selbst betroffen ist, braucht manchmal Unterstützung.

✅ Was hilft

  • Ruhig und klar sprechen – kurze Sätze, keine langen Diskussionen in der Eskalation
  • Grenzen eindeutig machen und verlässlich einhalten
  • Positives Verhalten bewusst wahrnehmen und benennen
  • Professionelle Hilfe aktiv unterstützen
  • Sich selbst Unterstützung holen, wenn alles zu viel wird
  • Elterntraining wahrnehmen, wenn es angeboten wird

❌ Was schadet

  • Anschreien oder öffentlich beschämen – verstärkt Scham und Aggressivität
  • Heute streng, morgen nachgiebig – Inkonsistenz destabilisiert
  • Das Verhalten als Absicht oder Faulheit bewerten
  • Drohen ohne echte Konsequenz
  • Alles abnehmen – Überprotektion verhindert Lernprozesse
  • Behandlung allein den Fachkräften überlassen, ohne den Alltag einzubeziehen

Wann Hilfe suchen?

Hilfe ist besonders wichtig, wenn es regelmäßig zu Gewalt oder Drohungen kommt, die Schule massiv leidet, Alkohol oder Drogen dazukommen, das Familienleben fast nur noch aus Konflikten besteht – oder wenn Betroffene selbst unter ihrem Verhalten leiden oder Angst vor Kontrollverlust haben. Aufgrund der schlechten Prognose bei einer unbehandelten Störung, ist die frühzeitige Inanspruchnahme von professioneller Hilfe wichtig.

Beratung und Hilfe in Deutschland

Bei akuter Eskalation

Wenn es zu Selbstgefährdung, Fremdgefährdung, massiver Gewalt, Weglaufen, Suizidgedanken oder akuter Krise kommt:

  • 112 bei unmittelbarer Gefahr
  • nächstgelegene kinder- und jugendpsychiatrische Notaufnahme
  • ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116117
  • Nummer gegen Kummer für Kinder/Jugendliche und Eltern
  • örtlicher Krisendienst, falls im Bundesland vorhanden

Erste Wahl bei deutlicher Belastung

  • Kinder- und Jugendpsychiatrische Praxis
  • Kinder- und Jugendpsychiatrische Institutsambulanz
  • ADHS-Spezialambulanz
  • Psychotherapeutin oder Psychotherapeut für Kinder und Jugendliche
  • Jugendamt / Allgemeiner Sozialer Dienst
  • Erziehungs- und Familienberatungsstelle

Genauere Informationen sind auf der Hilfeseite angegeben. Außerdem sind für die Suche zu empfehlen: https://www.arztauskunft-niedersachsen.de/ und https://www.116117.de/ und https://www.pknds.de/.

Wichtig für Schule und Alltag

  • Schulpsychologischer Dienst
  • Schulsozialarbeit
  • Beratungslehrkraft
  • ggf. sozialpädiatrisches Zentrum

Gute Ergänzung, aber nicht allein ausreichend

Praktischer Vorschlag für das weitere Vorgehen

Am sinnvollsten wäre diese Reihenfolge:

  • Kinderärztin/Kinderarzt oder Hausärztin/Hausarzt um Überweisung und Dringlichkeit bitten
  • parallel einen Termin bei Kinder- und Jugendpsychiatrie / Institutsambulanz suchen
  • sofort zusätzlich Erziehungsberatungsstelle kontaktieren
  • bei starker familiärer oder schulischer Belastung den Allgemeinen Sozialen Dienst/Jugendamt einbeziehen
  • Schule über Schulpsychologie/Schulsozialarbeit mit ins Boot holen

Beratung

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